26. Das Nebelgebirge
Während Arthur und sein Gefolge sich in Richtung Heimat begaben, hatte Merlin schon ein großes Stück seiner Weges zurück gelegt. Er wusste immer noch nicht genau, wohin er eigentlich laufen sollte, dennoch spürte er, dass es ihn in eine bestimmte Richtung zog, und er hatte gelernt seinem Gefühl zu vertrauen.
Er lief und lief und schaute ab und an immer wieder hinter sich, auf die im Wagen liegende Leeana - so, als ob sich etwas an ihrem Zustand ändern könnte, nur weil er es gerne so wollte.
Natürlich war dies nicht der Fall, Leeana war tot und selbst er, als mächtigster Zauberer Camelots, konnte nichts dagegen tun.
Merlin biss weiterhin die Zähne zusammen und folgte dem Weg, den sein Gefühl ihn anwies, weiter. Was ihm auffiel war, dass es immer nebliger um ihn herum wurde. Zuerst waren es nur einige Nebelschwaden, die um ihn herum waberten, doch dann wurden diese dicker und dichter. Zudem meinte Merlin, ein leichtes Rauschen und Wispern um sich herum zu hören, das er nicht wirklich einordnen konnte. Sehen konnte er ohnehin bald beinahe nichts mehr, die Schwaden waren schließlich zu dichtem Nebel heran gewachsen. Doch er folgte weiterhin seinem Gefühl, und konzentrierte sich auf den Weg direkt vor seinen Füßen, was ohnehin bald das einzige war, was er noch sehen konnte. Selbst den Wagen hinter sich konnte er nicht mehr erkennen.
Dennoch war ihm mulmig zumute. Die Nebelwand vor ihm wurde nicht nur dichter, sondern bekam auch eine scheinbar immer dicker werdende Konsistenz, die er sich nicht erklären konnte. Er hatte das Gefühl, durch Watte zu laufen...
Und das Wispern, beziehungsweise Rauschen, wurde stärker. Merlin versuchte, sich zusammen zu reißen. Er würde mit seiner Macht alles tun, um Leeana zu verteidigen. Niemand würde seiner Schwester im Geiste zu nahe kommen! Dem Mädchen, das sein Leben für ihn gegeben hatte - und das er, komme was wolle, wieder dorthin zurück holen würde! Was auch immer er dafür würde geben müssen!
Plötzlich blieb Merlin abrupt stehen. Vor sich tat sich ein Gefälle auf, das in einem See endete. Er wäre beinahe hinunter gestürzt, doch er hatte es im letzten Augenblick bemerkt. Leise fluchend schaute er sich um. Der Nebel hatte sich ein wenig verzogen, er konnte den See, der ziemlich groß war, einigermaßen gut erkennen. Und er spürte, dass er dort hinüber musste, um zu seinem Ziel zu gelangen, auch, wenn er keine Ahnung hatte, was sich dahinter verbarg, denn auf die andere Seite konnte er nicht mehr sehen.
Langsam begann er, sich nach rechts zu bewegen, denn dort war ein leichtes Gefälle zu erkennen, Er musste es riskieren, anders ging es nicht, denn sein Ziel war der See!
Nach einigen Minuten wurde der Nebel um ihn herum wieder dichter Mittlerweile ahnte Merlin, dass es ein Zeichen war, dass er in die richtige Richtung lief. Etwas wollte ihn davon abhalten, weiter zu gehen, doch das würde ihn nicht aufhalten! Langsam folgte er weiterhin seinem Gefühl, das ihn in die selbe Richtung zog, und auch jetzt spürte er, dass der Nebel nicht nur dicht, sondern irgendwie auch "härter" wurde. Die "Watte" wurde zur "Wand".
Dennoch lief er unaufhaltsam weiter. Nichts und niemand würde ihn stoppen! Merlins Schritte wurden stärker und plötzlich setzte eine Wind ein, der so kräftig war, dass es ihn nach hinten an den Wagen mit Leeanas Leichnam riss. Merlin stürzte beinahe, doch er konnte sich noch gerade rechtzeitig am Wagen festhalten. Doch der Wind war unachgiebig. Er hörte ein schauerliches Stöhnen, das lauter war als alles andere, und eine erneute Windböe stieß gegen ihn.
Merlin stieß sich vom Wagen ab und stand auf. Er sah sich gehetzt um. War etwa Morgana in der Nähe? Hatte sie den Wind um sich gebündelt und auf ihn gehetzt? Er hatte keine Ahnung, wie er jetzt auf die Idee kam, doch seine Sinne waren geschärft. Auch, wenn er nichts sehen konnte, er spürte die Gefahr, die hier auf ihn lauerte, und er wusste, ebenfalls instinktiv, dass es nicht Morgana war, sondern jemand - oder etwas - anderes. Doch was es war, konnte er nicht erkennen. Er hatte ebenfalls Kräfte! Auch Kräfte der Elemente, und er würde sie einsetzen, wenn es denn sein musste! Gegen alles und jeden! Beinahe verbissen nahm er den Wagen und lief weiter - der Wind wurde stärker.
Dann fiel ihm etwas anderes auf: Bis jetzt war der Weg abwärts gegangen, nun war es ihm, als wenn der Berg, auf dem er sich wohl befand, sich wölben würde - es schien nun aufwärts zu gehen!
Merlin kämpfte gegen die Umstände an. Der Wind, der ihn zurück zu stoßen versuchte, der Weg, der immer höher und steiler wurde, das alles machte es ihm beinahe unmöglich, weiter zu laufen; dennoch folgte er weiterhin seiner Intuition. Er lief immer weiter, auch, wenn die Gegebenheiten langsam immer unerträglicher wurden.
Und dann bekam er die volle Kraft der Elemente zu spüren: Die Windböe, die ihn nun erfasste, war mit nichts zu vergleichen, was er vorher jemals gekannt hatte. Sie krachte mit voller Wucht in seine Seite, und Merlin verlor den Halt. Er ließ den Wagen los, und dann geschah es: Der Wagen mit Leeana wurde ebenfalls fortgeschleudert und fiel den Steilhang hinunter, an dem der See mündete. Merlin brauchte einige Sekunden um aufzustehen - und zu begreifen, was gerade geschehen war. Gehetzt drehte er sich um, und sah, dass der Wagen fort war, und den Hang hinunter rutschte.
Er schrie auf und ließ sich ebenfalls hinunter fallen. Besser gesagt, er rollte sich hinunter, damit der Schmerz, den er beim Aufprall auf dem Boden spüren würde, nicht allzu groß war.
Dennoch spürte er genug, als er schließlich unten aufschlug. Er musste in der Tat die Zähne zusammen beißen, um nicht aufzuschreien, denn er prellte sich beim Sturz den Ellenbogen.
Dessen ungeachtet biss er die Zähne zusammen und stand auf. Die Schmerzen ignorierend, sah er sich gehetzt nach dem Wagen um, und bemerkte ihn, einige Meter von seinem Standpunkt entfernt. Hier unten war die Nebelwand nicht mehr so stark, und er registrierte auch, dass der Wind nachgelassen hatte. Er schaute kurz nach oben. Der Berg, von dem er sich wohl abgerollt hatte, war extrem hoch, er konnte kaum die Spitze sehen. Und er meinte, für eine Sekunde ein Gesicht gesehen zu haben, das allerdings sofort wieder verschwunden war...
Kopfschüttelnd machte sich Merlin auf den Weg zu dem Wagen, der einige Meter von ihm entfernt lag - und erstarrte. Der Wagen, der aus Holz bestand, war vollkommen in Trümmer zerfallen. Doch was noch schlimmer war: Leeanas Leichnam war fort! Sie war anscheinend aus dem Wagen gefallen - und er hatte keine Ahnung, wo sie war. Gehetzt drehte er sich um: "LEEANA!" brüllte er, doch dann schalt er sich selbst einen Narren. Wie konnte sie ihm antworten; sie war tot, verdammt! Er rannte zu dem Wagen, beziehungsweise dessen Resten, dann rannte er weiter. Sie konnte nur in einer Richtung liegen - oder weiter oben auf dem Berg, wenn sie während des Falles irgendwo liegen geblieben war...
Merlin machte sich auf den beschwerlichen Aufstieg. Geröll kam ihm entgegen, und seine Hand griff ins Leere. Er fiel hinab, doch er gab nicht auf. Wieder führte ihn sein Gefühl, das ihm "sagte", dass er das richtige Gespür hatte. Er musste einfach auf sein Gefühl hören, und weiter machen! Erneut griff er an einer anderen Stelle an den Berg, und dieses Mal konnte er sich hoch ziehen. Dennoch füllte Staub und Dreck seine Lunge; er hustete, doch er durfte nicht aufgeben! Während er immer weiter nach oben kroch, langsam aber stetig, fühlte er wieder den dichter werdenden Nebel, und er "hörte" erneut die Stimmen, oder was auch immer es war. "Ihr haltet mich nicht auf!" knurrte er, denn er sah dies als Zeichen dafür an, dass er auf dem richtigen Weg war.
Und dann hatte er sie gefunden. Ihr Körper lag auf einem kleinen Felsvorsprung, und Merlin sah erleichtert, dass nichts ihre Schönheit gemindert hatte. Ihre Knochen waren heil und auch ihr Gesicht war ohne Schaden.
Langsam und behutsam nahm er sie in die Arme. Er strich ihr noch einmal durch ihr Gesicht, und küsste sie auf die Stirn. Ihr Anblick bestärkte ihn nur in dem Willen, diesem Körper wieder Leben einzuhauchen, und wenn es das letzte war, was er tat! Er befürchtete es beinahe..
Dann riss er sich zusammen und blickte den Berg hinunter. Es war höher, als er gedacht hatte, Ihm war gar nicht aufgefallen, wie hoch er geklettert war - und nun musste er den Weg wieder hinunter gelangen, mit Leeanas Leichnam in seinen Händen. Wie der das erledigen sollte, war ihm - noch - ein Rätsel.
Doch dann fiel ihm ein Zauberspruch ein, und seine Augen glänzten gelb-golden, als er ihn aussprach: "Gaydenia, angelius, Leeana", und wenige Sekunden später erhob sich Leeana vom Boden.
Merlin selber versuchte, seine Balance zu halten, und hielt seine Hände unter unter ihren Körper, während er langsam und vorsichtig den Berg wieder herunter lief. Er rechnete dieses Mal mit einem Angriff, wenn man es so nennen wollte, und einmal kam auch einer. Ein Windstoß rammte ihn in den Rücken, doch er kämpfte gegen ihn an. Und schließlich kam er unbeschadet auf dem Boden an, und auch Leeana geschah nichts weiter.
Merlin ging langsam zu dem See hinüber. Er sah beinahe silbern aus, glänzend, und seine Oberfläche war irgendwie... Er konnte es nicht erklären. Gerade, als er sie berühren wollte, um die genaue Konsistenz zu ergründen, bemerkte er, dass sich in der Mitte des Sees etwas veränderte: Es sah beinahe so aus, als ob der See sich teilen würde... Merlin starrte darauf. Er konnte seinen Blick nicht abwenden, während sich das Wasser zuerst nach unten zog. Es sah aus wie eine Windhose - nur, dass es im Wasser statt fand...
Das Wasser zog sich nach unten - und es entstanden lange Kreise, die immer größer wurden. Dann schien sich das Wasser zu öffnen - und Merlin bemerkte, dass etwas nach oben stieg.
Jetzt war er sich sicher, dass dies der Zeitpunkt eines Kampfes werden würde. Er ging davon aus, dass er nun auf das Wesen treffen würde, was für die ganzen vorigen Angriffe verantwortlich war und stellte sich auf den Kampf ein.
Doch er sollte sich täuschen. Langsam kam das Wesen aus den Tiefen des Sees hinauf und schließlich konnte Merlin erkennen, was es war: Er sah eine Art Floß, auf dem ein Mann stand, den Merlin schlecht einschätzen konnte. Er konnte weder erkennen, wie alt er war, noch konnte er seinen Gesichtsausdruck richtig deuten...
Dennoch behielt er ihn argwöhnisch im Blick, während er immer näher an den Rand des Sees auf ihn zukam...
Schließlich war er angekommen. Sein Blick war immer noch unergründlich, doch er blickte zuerst auf Leeana, dann hob er diesen und blickte Merlin ins Gesicht. Dieser wusste nicht wieso, aber er bekam Gänsehaut, als er in sein Gesicht sah. Bis jetzt war er auf Gegenwehr eingerichtet gewesen, doch nun, da er diesem Wesen, was auch immer es war, direkt gegenüber stand, schien dieses irgendwie ausgeschaltet.
Merlin musste schlucken, dann hörte er den Mann sprechen: "Ihr seid bis hierher gelangt, Zauberer! Dies hat lange niemand mehr geschafft, gegen die Kräfte der Elemente anzutreten, und sie zu besiegen!" Wieder fiel sein Blick auf Leeana, und Merlin bekam Gänsehaut. Er wollte etwas sagen, doch der geheimnisvolle Fremde fiel ihm ins Wort: "Ich weiß aus welchem Grund Ihr hier seid, Zauberer! Doch Ihr ahnt nicht, welchen Gefahren Ihr Euch und allen, die Ihr liebt, deswegen aussetzt! Wollt Ihr den Weg trotzdem weiter gehen? Auch, wenn Ihr Gefahr lauft, alles zu verlieren, was Euch lieb und teuer ist? Bedenkt, was Ihr antwortet, es könnte Eure gesamte Zukunft verändern!" Der Ton in seiner Stimme war schneidender geworden.
Merlin stand starr und blickte dem Fremden ins Gesicht. Was auch immer dieser hier für ein "Spiel" spielte, er würde mitmachen! Und selbstverständlich würde er seinen geplanten Weg weiter gehen, egal, wohin er führte. Er wollte antworten, doch auch dieses Mal ließ ihn der Fremde nicht. Es war beinahe so, als kannte er dessen Antwort bereits. "Nun gut, ich denke, dass Ihr Eure Meinung nicht ändern werdet... Steigt ein, und nehmt diejenige mit, die unser aller Schicksal besiegeln wird..." Er sprach in Rätseln, doch Merlin ahnte, dass er nur von Leeana sprechen konnte. Dennoch sagte er nichts und folgte seiner Aufforderung. Er nahm Leeana und trug sie auf das Floß, das nun leicht zugänglich vor ihm stand.
Der Fremde machte Platz. Als Merlin auf dem Floß war, und Leeana sanft vor sich abgelegt hatte, stieß er vom Boden ab und das Floß verschwand vom auf dem See - in die andere Richtung, fort von den Bergen, von wo sie gekommen waren, auf ein Ziel zu, das Merlin vorab nicht zu sehen vermocht hatte.
Auch jetzt konnte er nichts erkennen. Die Nebelschwaden hatten sich wieder zugezogen und versperrten ihm jegliche Sicht, sowohl nach hinten, als auch nach vorne. Er war auf Gedeih und Verderb diesem mysteriösen Fremden ausgeliefert, und das gefiel ihm natürlich ganz und gar nicht. Dennoch behielt er seine Gedanken für sich und kniete sich den gesamten Weg über zu Leeana, um sie sicher in seinen Armen zu wissen. Damit sie, falls der Fremde etwas mit ihnen vorhatte, oder sie anderweitig angegriffen wurden, nicht Gefahr lief, noch ins Wasser zu fallen. Er hatte keine Ahnung, ob er sie dort jemals wieder würde heraus holen können.
Dann hörte er den Fremden lachen: "Ich werde Euch nichts tun, Zauberer. Es gibt andere Gefahren, in die Ihr Euch von ganz alleine begebt. Diese sind älter, als alles was Ihr kennt, und sicherlich von ganz anderer Art. Und es wird sicher nicht mehr lange dauern, dann seht Ihr es selbst..." Dann schwieg er wieder.
Merlin schaute sich erneut um. Noch konnte er gar nichts Gefährliches erkennen; auch, wenn ab und an in den See starrte, um zu sehen, ob dort gegebenenfalls ein Ungeheuer auf sie lauerte, so wusste er schließlich, dass dies nicht so war. Der Fremde hatte Recht: Niemand lauerte hier auf sie, und auch von ihm ging keine direkte Gefahr aus. Nur etwas mystisches, geheimnisvolles, was er nicht einordnen konnte. Und dann war es so weit, sie hatten die andere Seite des Sees erreicht...

